„Stress komplett aus dem Leben zu verbannen, ist für die meisten Menschen ein Ding der Unmöglichkeit. Ihn geschickt zu managen hingegen nicht. Das kann man lernen.“ (Vera F. Birkenbihl)
Viele Menschen erleben Stress, ohne dass er von außen sichtbar wäre. Oft entsteht er aus Erwartungen heraus – und zwar nicht nur von denen anderer, sondern vor allem von uns selbst. Wir jagen nach Anerkennung, weil wir gelernt haben: Nur wenn ich viel leiste, bin ich etwas wert. Diese Verknüpfung brennt sich tief in unser Denken ein. Hinzu kommt: Wer Zuneigung oder Wertschätzung im Laufe seines Lebens hauptsächlich über Leistung erlebt hat, hält diese Verknüpfung in seinem Denken automatisch am Laufen. Genau hier beginnt mentaler Stress – und genau hier braucht es den richtigung Umgang mit unserem STRESS-SPANNUNGSWANDLER, dem heimlichen Energiespender in unserem Kopf.
Aktuelle Daten zeigen: Nicht der Druck von Außen ist der größte Stressfaktor für uns. Es ist ganz im Gegenteil der in jedem Menschen (egal ob jemand putzsüchtig oder Messie ist) schlummernde innere Anspruch an Perfektion. Danach folgen Schule, Studium, Beruf, gesellschaftliche Konflikte, private Verpflichtungen und Partnerschaften. Interessant ist, dass in den letzten Jahren auch zum ersten Mal der mentale Einfluss internationaler Krisen und gesellschaftlicher Spannungen auf unsere Psyche gemessen werden konnte – und das belastet manche Menschen enorm., obwohl sie mit diesen Krisen oder gesellschaftlichen Herausforderungen persönlich wenig betroffen sind. Kein Wunder: Wir sind permanent mit einer Informationsflut konfrontiert, bei der sich die Folgen von Naturkatastrophen in Fernost mit Kriegsszenarien in Afrika, der schlimmen Situation von Menschen in Amerika uns unseren eigenen Existenzängsten abwechseln. Das Schlimme ist, so denken wir: Die Dinge sind von uns selbst kaum wirklich zu beeinflussen. Diese Mischung – Dauerpräsenz von Soorgen im Kopf und Ohnmacht im handeln – ist ein perfekter Nährboden für Stress.
Dabei ist Stress grundsätzlich nichts Schlechtes. Unser Körper unterscheidet zwischen positivem Stress (oder: EUSTRESS), der unser Leben jeden Tag antreibt, und negativem Stress (auch DISTRESS genannt), der uns blockiert und überfordert. Eustress tritt bei Herausforderungen auf, die wir als machbar und lohnend empfinden, was zu erhöhter Leistungsfähigkeit und Konzentration führen und sogar der Gesundheit zuträglich sein kann. Problematisch wird es, wenn der Distress zu lange anhält. Dann aktiviert unser Geist, in dem seit Urzeiten der „Säbelzahntiger“-Schutzmechanismus* auf seinen Einsatz wartet, dauerhaft die Stressachse zwischen Gehirn und Nebenniere und schüttet im Autopilot-Modus ständig Adrenalin und andere Stresshormone aus. Kurzzeitig ist das sinnvoll – auf Dauer macht es jedoch krank, vor allem, da der muskulöse Raubkatzen-Sprinter mit beeindruckenden 20 cm langen Reißzähnen bereits seit rund 12.000 Jahren ausgestorben ist. Wichtig zu wissen ist: Die Fähigkeit, Stress auszuhalten, ist eine individuelle Stärke oder Schwäche, die stark von unserem Denken abhängt. Was uns hier von Eltern oder Vorfahren vererbt wurde, spielt zwar auch eine (wenn auch kleine) Rolle, aber viel entscheidender ist, was wir sekbst im Leben gelernt haben – wie unsere Vorbilder mit Belastungen umgingen und welche Strategien wir selbst entwickelt haben.
Der größte Irrtum ist zu glauben, dass wir Stress um jeden Preis vermeiden müssten. Stress gehört zum Leben, wie das Salz zur Erde. Entscheidend ist, wie schnell wir den inneren Schalter finden, der uns bei Stress-Situationen handlungsfähig macht, statt weiter dem „Säbelzahntiger“-Modus schutzlos ausgeliefert zu sein.
Nun fragt man sich natürlich: Was hilft da? Klare Antwort: Unser Körper ist für Stressabbau vor allem über Bewegung in der Natur programmiert. Das ist die ursprünglichste Form, negative Stressenergie abzuleiten. Ebenso wichtig sind echte, tiefe soziale Beziehungen – Gespräche, in denen man teilt, was herausfordernd ist. Und natürlich: bewusstes Abschalten, mental wie elektronisch. Wer ständig online ist, bleibt im Alarmmodus. Digitale Dauerpräsenz verhindert Ruhe und füttert Tag um Tag den Säbelzahntiger. neu.
Oft bieten sich aber auch schnelle „Lösungen“ an, die uns späterhin enorm blockieren können. Beruhigungsmittel, Alkohol oder ähnliche Strategien verschaffen höchstens kurzfristige Erleichterung, schaffen aber neue Abhängigkeiten. Entscheidend sind stattdessen kleine, wiederkehrende Entspannungsrituale, die den Kopf zurück in die Selbststeuerung bringen.
Der erste Schritt: Innehalten. Für Momente bewusst aus dem Autopilot aussteigen. Sich fragen: Wovon bin ich eigentlich wirklich gestresst? Chronischer Stress, das haben unzählige Studien belegt, entsteht häufig aus diffusen, schwer greifbaren Belastungen. Konkretisiert man sie, verlieren sie oft erstaunlich schnell ihre Macht. Genau hier liegt der mentale Schalter, der uns zurück in die Klarheit bringt. Auch im Rahmen der LERNEN. LACHEN. LEBEN.-Seminare und meiner FLEXBRAIN-Programme zeige ich, wie man diese Mechanismen erkennt, entkoppelt und so Schritt für Schritt wieder zu innerer Ruhe, Präsenz und eigener Steuerbarkeit zurückfindet.
Rainer W. Sauer, Jena im November 2025